Das Mädchen im blauen Mantel

Das Mädchen im blauen Mantel

"Die Geschichte lehrt die Menschen, dass die Geschichte die Menschen nichts lehrt" (Mahatma Gandhi). Einmal ist es ein roter, einmal ein blauer Mantel. Einmal trägt es sich in Polen, einmal in Kroatien zu. Einmal 1941, einmal 1991. Beide Male trifft es Europa ins Herz. Beide Male ist die Symbolik um das Mädchen und den Mantel eine der unglaublichen Tragweite von Krieg. Wie muss der Mantel sein, wie das Mädchen und wie das Kriegsleid, dass wir Menschen daraus lernen?

1941: Auf den Straßen von Krakau herrscht Todesangst. Das Ghetto wird geräumt. Die Welt ist nur mehr schwarz-weiß. Mittendrin taucht Rot auf: In Form eines Mädchen im roten Mantel, inszeniert von Steven Spielberg in "Schindlers Liste". Zu diesem Zeitpunkt gilt Oskar Schindler noch als "harter" Geschäftsmann. Doch etwas in ihm beginnt sich zu wandeln. Spätestens bei der nächsten Begegnung mit dem Mädchen im roten Mantel greift der Wandel stärker. Es ist dies die Begegnung mit dem Tod. Eine Begegnung, die Oskar Schindler schlussendlich zum Handeln bewegt. Er hätte noch mehr Menschen retten können, meint Schindler und bricht weinend zusammen in einer der letzten Filmszenen. Roma Ligockas Volk dankt es ihm mit den Worten „Wer nur ein einziges Leben rettet, rettet die ganze Welt“, eingraviert in den Ring, den er als Abschiedsgeschenk bekommt.

Steven Spielberg griff als erster das Motiv des Mädchens im roten Mantel auf und ließ die Filmfigur sterben, gemeinsam mit allen anderen Kindern unter 14 Jahren, die den Nazis in die Hände fielen. Im echten Leben fiel Roma Ligocka - das Mädchen im roten Mantel - den Nazis nicht in die Hände. Gemeinsam mit ihrer Mutter und mit gefälschten Papieren gelang ihr die Flucht. 2000 erschien ihr Buch, in dem sie aus der Perspektive des Kindes erzählt, was es heißt, inmitten von Angst, Krieg und Tod aufzuwachsen. Das Trauma der Kindheitsjahre prägen ihr Leben als erwachsene Frau.

Ein halbes Jahrhundert nach dem Mädchen im roten Mantel schreibt ein Mädchen im blauen Mantel Geschichte. Auch sie überlebt den Krieg und ist heute eine erwachsene Frau, deren Kindheit ebenso von Angst, Krieg und Tod geprägt war.

1991: Auf den Straßen von Vukovar herrscht Todesangst. Bilder von Menschenkolonnen erinnern an jene aus dem Zweiten Weltkrieg. Nur, dass sie nicht schwarz-weiß sind. Es sind gegenwärtige Bilder einer vermeintlich fortschrittliche(re)n Welt. Es sind 500 Kilometer von Wien entfernte Szenen, die sich an diesem 18. November an der Schwelle zum 21. Jahrhundert in Kroatien abspielen. An diesem Tag fällt Vukovar. Die Bilder der 87 Tage lang zu Tode gequälten Stadt  gehen um die Welt. Einer Stadt deren Bewohner  sich in der "Todeskolonne von Vukovar" einfinden. Unter ihnen ist ein sechsjähriges Mädchen. Das Mädchen im blauen Mantel.

Das Mädchen im blauen Mantel, Željka Jurić hat ihre Erfahrungen in Form von Gedichten verarbeitet und unter dem Titel "Moja rijeka suza", zu Deutsch "Mein Fluss der Tränen" herausgegeben. 

Ein halbes Jahrhundert liegt zwischen dem Kindheitstrauma Roma Ligockas und dem von Željka Jurić. Es scheint als habe die Menschheit kaum dazu gelernt. 

Danijela / kroativ.at

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