Buchempfehlung: Baba Dunja erzählt...

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...und ich muss unwillkürlich an meine Großmutter denken.

Baba Dunjas Stimme und ihr Charakter wirken so stark, so authentisch. Während ich ihr zuhöre, befinde ich mich an zwei Orten: Im fiktiven Tschernowo und in meinem Heimatdorf im Osten von Kroatien. 

"Baba Dunjas letzte Liebe" ist der 2015 erschienene Roman von Alina Bronsky. Einen Teil ihrer Kindheit verbrachte Bronsky in Russland, einen in Deutschland. Die von ihr geschaffene Romanfigur Baba Dunja bleibt in Russland, genau genommen in Tschernowo, der Todeszone von Tschernobyl. 

Ich selbst habe einen Teil meiner Kindheit in Kroatien, einen in Österreich verbracht. Meine Großmutter blieb in Kroatien. Während des Krieges, nach dem Krieg.

Kein "Reaktor", wie die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl von Baba Dunja genannt wird, wird sie je aus ihrer Heimat vertreiben. Einige andere Heimkehrer sehen das auch so oder so ähnlich. Die Motive, sich in Tschernowo niederzulassen, sind durchaus individuell, sich von der Strahlung unbeeindruckt zu zeigen, scheint hingegen das kollektive Phänomen der kleinen Gemeinschaft zu sein.

Baba Dunja ist die Dorfälteste, die Anführerin, die es hin und wieder noch in die Stadt schafft um Post zu holen, Post aufzugeben und Dinge des täglichen Bedarfs zu holen, die nicht in das verstrahlte Selbstversorger-Sortiment fallen. Der Rest der Welt fürchtet das selbsternannte Heimkehrer-Paradies, also lässt man die Gleichgesinnten untereinander und geht auf sichere Distanz. Die Gleichgesinnten begrüßen das sehr, man versteht sich ohnehin nicht. Die beiden Welten sind viel zu unterschiedlich. In Tscherenowo beispielsweise ist das mit der Zeit ein bisschen anders als sonst wo:

„Was ich in Tschernowo niemals gegen fließend Wasser und eine Telefonleitung eintauschen würde, ist die Sache mit der Zeit. Bei uns gibt es keine Zeit. Es gibt keine Fristen und keine Termine", so Baba Dunja.

Und ich muss an die Besuche bei meiner Großmutter denken. In erster Linie an jene als ich schon so stark vom Tempo des heutigen Lebens geprägt war, dass mir die Besuche so angenehm und die in meinem Dorf verbrachte Zeit so gemächlich erschienen.

Wie viele andere Frauen ihrer Generation hatte auch meine Großmutter täglich ein für so manche von uns unvorstellbares Pensum an Arbeit bewältigt. Schonungslos und mit Leidenschaft. Aus höchster Eigenmotivation. Für die Kinder und die Familie. Für heute und für ein besseres Morgen. An Übermorgen wollte man nicht so viele Gedanken verschwenden. Möglicherweise ist das das Geheimrezept für den gemächlichen Teil des Tages, den sich auch meine Großmutter täglich gönnte. Da stand die Zeit still. Im Winter neben dem Holzofen, im Sommer irgendwo im Schatten unter einem Baum. Jahrelang, tagein, tagaus bis irgendwann der Krieg an die Tür klopfte.

Natürlich wollte meine Großmutter ihr Haus nicht verlassen und an einen sicheren Ort fliehen. Nach viel Überzeugungsarbeit und einer offiziell verhängten Dorfevakuations-Verordnung, tat sie es doch. Ich habe die Abschiedsszene noch lebhaft vor Augen: unser  Dorf war ausgestorben. Als wir 1991 das ausgestorbene Dorf verließen, um meine Großmutter und die anderen an einen sicheren Ort zu bringen, weinte ich fürchterlich, ob der Leere,  die wir hinter uns ließen. Deshalb weiß ich es zu schätzen, wenn alte und sture Tschernobyl -oder Kriegs-Heimkehrer, jene aus westlicher Perspektive unterentwickelten Dörfer, mit ihrer Pionierhaltung und Lebensweisheit wieder zum Leben erwachen. Die Haltung, der Wille und der Mut in unseren Dörfern zu bleiben und zu (über)leben schrumpfen mit jeder Generation. Die Hoffnung, in den Städten oder im Westen ein besseres Leben "vorzufinden", scheint die Verlockung des 21. Jahrhunderts zu sein. Gleichzeitig trachten wir in den Städten und im Westen nach einer gesünderen und etwas langsameren Lebensweise. Wir wollen Bio-Gemüse essen, unsere Kinder Obst von  Bäumen pflücken lassen und  sie naturnah aufwachsen lassen. Wir hinterfragen immer mehr die teilweise absurden Abläufe in (Groß-)Unternehmen, die Sinnhaftigkeit voller Terminkalender und sehnen uns nach Ruhe und Bodenständigkeit. All das was die Heimgekehrten immer nur wollten und wofür sie auf  fließend Wasser und Telefonleitungen gerne verzichteten.

Früher war Baba Dunja Hilfskrankenschwester. Sie hatte einen Mann und zwei Kinder. Ihr Sohn lebt irgendwo am anderen Ende der Welt. Ihre Tochter, inzwischen selbst Mutter und Chirurgin, lebt in Deutschland. Sie schickt ihrer Mutter regelmäßig Pakete. Viel zu viele, wie es scheint, und  oftmals Dinge, die in Baba Dunjas Welt keinen Nutzen haben. So beispielsweise das Blutdruckmessgerät, das Baba Dunja gleich an ihre Nachbarin weitergibt. Sie fühlt das schon, wenn mit ihr irgendwas nicht in Ordnung ist und braucht kein Gerät, das ihr sagt, es sei irgendetwas nicht in Ordnung. Die Lesebrille hingegen behält sie. Diese braucht sie zum Lesen der Zeitschriften und natürlich zum Lesen und Schreiben von Briefen. Briefe kommen auch von ihrer Tochter. Davon kann Baba Dunja gar nicht genug bekommen. Selbst schreiben tut sie meistens ihrer Enkeltochter Laura, die sie nie persönlich kennenlernt, da sich Laura den Strahlen von Tschwernowo nicht aussetzen soll und Baba Dunja natürlich nicht nach Deutschland reist, auch wenn ihre Tochter ihr anbietet, für immer nach Deutschland zu kommen. Es werde ihr gut gehen und sie wird auch einen Garten haben. Baba Dunja denkt nicht im Traum dran. Es geht ihr auch in der Todeszone gut und sie hat einen Garten. Einen mit verseuchten Gurken und Kräutern, aber wen kümmert das schon. Es sind die kleinen Dinge des Alltags, die Baba Dunja glücklich machen und selbstversorgen kann sie sich ohnehin.

Selbstversorgung war für meine Großmutter eine Selbstverständlichkeit und etwas, das sie zu einer (Über)Lebenskünstlerin in meinen Augen machte. Wie oft habe ich ihren Kühlschrank aufgemacht, um die Milch für unseren  13-Uhr-Kaffee zu holen und im Kühlschrank so gut wie nichts vorgefunden. Milch, Butter, Eier (die ihrer eigenen Hühner natürlich). Mehr nicht. Dennoch haben ihre Hände himmlische Speisen für uns gezaubert, zumeist aus Mehl, Wasser, Salz, Hefe. Je nach Speise kam noch die eine oder andere Zutat wie Topfen, selbstgemachte Marmelade, Zucchini, Kürbis oder Kartoffel dazu. Und damit wären wir beim Gemüsegarten meiner Großmutter, bei ihrer eigentlichen Leidenschaft. Dank dieser ihrer Leidenschaft, weiß ich wie Tomaten eigentlich schmecken. Ungestört von Hitze und Sonne verbrachte sie Stunden im Gemüsegarten, kehrte erschöpft, aber glücklich und zufrieden und mit riesigen sonnengereiften Tomaten zurück.

Ein wesentlicher Unterschied zwischen Baba Dunja und meiner Großmutter stellt sich mit der Zeit doch heraus - die Sache mit dem Himmel, den Gebeten und mit Gott. Baba Dunja glaubt zwar an den Himmel, aber nicht, dass auch die Toten dort sind oder dass ihre Gebete von jemandem dort oben erhört werden. Vielleicht liegt es daran, dass man in Russland "Gott abgeschafft" hat als sie noch ein kleines Mädchen war...

In Kroatien bzw. damaligen Jugoslawien hatte man Gott auch offiziell abgeschafft. Doch nicht bis zu jedem Einzelnen in der Bevölkerung ist diese vom Staat verordnete Lebensphilosophie durchgedrungen. Manche ließ die kommunistische Diktatur unbeeindruckt. Der Glaube an etwas Höheres war stärker. So auch bei meiner Großmutter. Ein aus ihrem Leben nicht wegzudenkendes Alltagsritual war das Rosenkranzgebet. Im Winter neben dem Holzofen. An warmen Sommerabenden auf der Holzbank vor dem Haus.

Wenn ich ihr Leben Revue passieren lasse, kommt immer wieder ein Gedanke an meine Großmutter: Sie war eine starke, mutige, dominante Frau und eine wohl nicht immer angenehme Ehefrau. Ihr Glaube an Gott war unerschütterlich. Damals nicht, als sie noch in Bosnien lebte und von Muslimen, deren Sitten und Glaubenstraditionen umgeben war. Damals nicht, als sie es schwer hatte in ihrer Ehe, mit kleinen Kindern, einer griesgrämigen (genauso dominanten) Schwiegermutter und viel harter Arbeit. Und auch dann nicht, als sie ihren Sohn zu Grabe trug. Ich war mir sicher, sie würde daran zerbrechen. Gewiss war die Portion Bitterkeit, die ihr das Leben aufzwang, so groß, dass in ihren Augen immer ein Trauerschimmer zu sehen war und dass ihr Lächeln immerzu einen gequälten Eindruck vermittelte. Aber sie fand neuen Lebensmut. Sie war eine (Über)Lebenskünstlerin.

Das ist Baba Dunja auch - eine (Über)Lebenskünstlerin.

In Erinnerungen an unsere Heimat schwelgen und an Großmutters Zeiten zurückdenken - dazu empfehle ich Alina Bronsky, ihre Protagonistin Baba Dunja und die Hörbuch-Variante gelesen von Sophie Rois, die Baba Dunja eine authentische Stimme verleiht. 

Danijela / kroativ.at

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