Zwetelina Ortega, Gründerin von Linguamulti im Interview: Wir müssen Mehrsprachigkeit fördern

Zwetelina Ortega, Gründerin von Linguamulti im Interview: Wir müssen Mehrsprachigkeit fördern

Durch Mehrsprachigkeit lernen wir unterschiedliche Lebenswelten kennen. Der Einblick in verschiedene Lebenswelten bildet eine zusätzliche Basis auf der Neues entstehen kann. Wir können etwas näher in die Gesellschaft, Politik und Wirtschaft eines Landes hinein zoomen und besser verstehen. Das ist eine Kompetenz, die später sehr wertvoll für den Arbeitsmarkt ist.

Sie sind selbst mit 3 Sprachen aufgewachsen...

Es ist bei mir ein wenig gestaffelt passiert. Meine Kindheit in Bulgarien war von Bulgarisch und Spanisch geprägt. Im Volksschulalter zog ich dann mit meinen Eltern nach Österreich und lernte Deutsch als Zweitsprache.Nach zwei bis drei Schuljahren in Österreich rückte Bulgarisch zugunsten der deutschen Sprache immer mehr in den Hintergrund. Im weiteren Lebensverlauf wuchs mein Interesse für die spanische Sprache und die Kultur dahinter, was sich letztendlich auch in der Wahl meines Studiums manifestierte. Ich habe Romanistik studiert und unterrichte nun selbst Spanisch an der Universität Wien.

Wie hat Ihre Mehrsprachigkeit Sie geprägt?  

Die drei Sprachen waren unterschiedlich präsent in meinem Leben. Der Einblick in verschiedene Lebenswelten bildet eine zusätzliche Basis auf der Neues entstehen kann.

Mit drei Kulturen aufwachsen bedeutet von Anfang an weltoffen und international denken. Das ist ein großartiges Fundament, auf das ich viel aufbauen konnte. Dadurch ist es mir beispielsweise möglich stärker oder anders Vergleiche anzustellen, zu relativieren, feine Unterschiede zu kennen und diese auch wertzuschätzen. Das sind nur einige der zahlreichen positive Effekte von Mehrsprachigkeit und Mehrkulturalität.

Welche Sprache dominiert Ihr Leben aktuell?

Obwohl ich ständig damit zu tun habe, zu beurteilen wie Mehrsprachigkeit aussieht, ist es für mich sehr schwer die Dominanz meiner Sprachen einzuschätzen. Dadurch, dass ich Spanisch unterrichte, muss ich mich auf eine andere Art und Weise mit der Sprache auseinandersetzen.Hinzu kommt, dass mein Mann Spanier und Spanisch unsere Familiensprache ist. Bulgarisch ist natürlich auch sehr präsent, weil ich mit meinen Kindern Bulgarisch spreche. Die Positionen der Sprachen und deren Gebrauch verändern sich mit den jeweiligen Lebensphasen und -situationen.

Wie haben Ihre Eltern Ihre mehrsprachige Erziehung  damals in Bulgarien erlebt?

In den 80er Jahren war Mehrsprachigkeit in Bulgarien eine Rarität, etwas Exotisches. Meine Eltern haben meine mehrsprachige Erziehung im Alleingang durchgezogen, mit wenig Unterstützung und Verständnis von außen. Das war nicht einfach und es gab auch nicht die Möglichkeiten und Ressourcen von heute, wie Muttersprachenunterricht an Schulen oder zweisprachige Spielgruppen.

Ihre Kinder wachsen ebenfalls mehrsprachig auf. Worauf achten Sie als Fachexpertin bei Ihren Kindern ganz besonders?

Ich befürworte sehr das Modell "eine Person - eine Sprache". Meiner Erfahrung nach bringt es sehr gute Ergebnisse hervor. Gerade in einer Familie in der Mutter und Vater verschiedene Sprachen sprechen sind klare Strukturen und konsequente Umsetzungwichtig. Wir versuchen sehr konsequent  und gleichzeitig entspannt zu sein und stellen uns nicht ständig die Frage, ob unsere Kinder auch die deutsche Sprache gut beherrschen werden. Für die deutsche Sprache gibt es im Leben unserer Kinder verschiedene Bezugspersonen, sei es Spielfreunde oder eben den Kindergarten. Ich achte sehr darauf, dass die Sprachen gleich intensiv im Leben der Kinder vorkommen, doch ich habe nicht den Anspruch alles selbst zu leisten, das ist auch nicht das Wesen des Modells. Ich bin für den Rahmen verantwortlich. Von den KindergärtnerInnen hole ich mir Feedback und verlasse mich auf deren Einschätzung.

Wie gut funktioniert das Modell "eine Person - eine Sprache" bis jetzt in Ihrer Familie?

Das Modell funktioniert sehr gut. Meine Tochter ist etwas über 3 Jahre alt. Das ist die Phase in der Kinder anfangen sich mit ihrer eigenen Mehrsprachigkeit intensiv auseinandersetzen, in der sie beispielsweise beginnen Sprache zu Situationen und Personen zu zuordnen. Dieses abstrakte Denken ist eine große Herausforderung für Kinder, umso wichtiger sind demzufolge klare Strukturen und eine konsequente Linie. Als Elternteil kann man das Kind insofern darin unterstützen, in dem man  bewusst die Mehrsprachigkeit anspricht. Meine Tochter beispielsweise benennt schon ihre Sprachen. Sie sagt "Hallo" für Deutsch und "Hola" für Spanisch. Manche Kinder sagen "Mama- oder Papa-Sprache".

Viele Eltern mit Migrationshintergrund fühlen sich unter Druck gesetzt und kämpfen mit der Angst ihr Kind werde nicht ausreichend gut oder schnell Deutsch lernen, wenn es mehrsprachig aufwächst. Was geben Sie diesen Eltern mit auf dem Weg?

Die deutsche Sprache soll natürlich einen Stellenwert im Leben des Kindes haben. Für das Kind muss nachvollziehbar sein, diese Sprache ist interessant und ich kann damit etwas bewirken. Wichtig ist daher zumindest eine Bezugsperson für Deutsch zu haben, dieder deutschen Sprache mächtig ist und dem Kind wertvollen Sprachinput anbietet. Bezugspersonen, die ein gebrochenes Deutsch sprechen, tun der Sprachentwicklung des Kindes nichts Gutes. Das Kind entwickelt auf Basis einer Sprache die es beherrscht, seine andere Sprache weiter. Bei simultan mehrsprachigen Kindern pushen sich die Sprachen gegenseitig – während es einen Entwicklungsschub in der einen Sprache erlebt, wirkt sich das positiv auf die andere Sprache aus.

Wie können Eltern oder andere Bezugspersonen mehrsprachige Kinder in ihrer Entwicklung unterstützen?

Es gibt mehrere Schienen der Unterstützung. Grundvoraussetzung ist, dass sich Eltern sprachlich mit dem Kind beschäftigen und es auch moralisch unterstützen. Dazu gehört, immer wieder dem Kind bewusst zu machen, dass es in zwei Sprachen und  Kulturen lebt, was eine Bereicherung darstellt. Darüber hinaus ist wichtig in jener Sprache mit dem Kind zu kommunizieren, die einem von Natur aus am besten liegt, gemeinsam Bücher lesen, Hörbücher anhören, singen, einfach sprechen und erzählen. So führt man das Kind dorthin, wo es eine solide Basis für seine weitere Sprachentwicklung hat.

Mehrsprachigkeit fördert die kindliche Entwicklung, doch wie genau?

Ein Kind, das aus verschiedenen Kulturen stammt und auch Zugang zu diesen Kulturen hat, ist in der Lage seine Entwicklung auf eine natürliche und entspannte Weise voranzutreiben. Wird versucht eine der Kulturen auszublenden, schadet das der Entwicklung des Kindes, denn es wird sich irgendwann später fragen wer bin ich eigentlich und was macht mich aus. Die andere Kultur wird dann zwar nicht vollkommen ausgeblendet, aber schwieriger zugänglich sein und dies bringt einen viel größeren Aufwand für den Prozess der Identitätsfindung mit sich. Als Eltern und Bezugspersonen tragen wir große Verantwortung dafür, alle Kulturen im Leben des Kindes positiv zu besetzen. Aus meiner Sicht ist diese Komponente viel wichtiger als alle anderen positiven Effekte mehrsprachiger Erziehung.

Von welchen anderen positiven Effekten sprechen wir hier?

An dieser Stelle möchte ich am Thema Kultur von vorhin anknüpfen. Mehrsprachige Kinder haben Zugang zu verschiedenen Kulturen und können leichter kulturelle Codes interpretieren. Das ist auch der große Unterschied zwischen Mehrsprachen- und Fremdsprachen-Kompetenzen. Beim Erlernen einer Fremdsprache müssen wir uns auch die kulturelle Dimension mühsam aneignen, bei mehrsprachige Kindern entwickelt sich das sozusagen automatisch mit. Das ist eine Kompetenz, die später sehr wertvoll für den Arbeitsmarkt ist. Zudem sind mehrsprachige Kinder flexibler in ihrer kognitiven Auffassung. Sie sind sprachlich belastbarer, erlenen leichter weitere Sprachen, weil sie auf ein ganz anderes Sprachrepertoire zugreifen können. Sie verfügen länger über die Möglichkeit eine weitere Sprache auf einem sehr hohen Niveau zu erlernen. Man sagt, zirka ab der Pubertät kann das Native Speaker Niveau nicht mehr erreicht werden - bei mehrsprachigen Kindern wird diese "kritische Periode" verlängert.

Welche Mythen existieren rund um die mehrsprachige Erziehung?

"Man verwirrt die Kinder"

Der Mythos "Man verwirrt die Kinder" hält sich nach wie vor eisern. Nein, man verwirrt die Kinder nicht. Vorausgesetzt die mehrsprachige Erziehung wird konsequent durchgezogen. Ist man als Elternteil selbst inkonsequent und verunsichert in seiner Entscheidung, kann das zu Verwirrungen beim Kind führen. Wichtig ist die Zuordnung der Sprachen zu Situationen bzw. Bezugspersonen. Als Elternteil muss man sich selber sicher sein was man anbieten kann und möchte. Hinter mehrsprachiger Erziehung steckt viel Arbeit. Die Sprachen fallen den Kindern nicht in den Schoß. Und damit sind wir beim nächsten Mythos.

"Die Sprachen fallen einem in den Schoß"

Nein, das tun sie nicht. Von alleine oder durch reines passives Zuhören geschieht das Erlernen einer Sprache nicht bzw. nur begrenzt. Die Sprache auf einem hohen Niveau zu erlernen, erfordert langfristigen Einsatz aller Beteiligten. Als Elternteil muss man sich die Frage stellen: Was bin ich bereit langfristig zu bieten und wie schaffe ich es konsequent dran zu bleiben? Natürlich ist es ein lohnenswerter Einsatz, wenn das Kind die Sprache später im Berufsleben anwenden oder sich darin auf hohem Niveau ausdrücken kann.

"Die Kinder lernen letztendlich keine Sprache richtig "

Es gibt tatsächlich solche Kinder, die keine Sprache gut beherrschen. Aber es gibt auch einsprachige Kinder, die ihre Muttersprache nicht gut beherrschen. Der Grund dafür ist, dass die Kinder keine Unterstützung in ihrer sprachlichen Entwicklung erfahren. Es sind Kinder, die aus sozial schwachen Familien stammen, wo Bildung in der Regel einen niedrigen Stellenwert hat und wo die Eltern vielleicht gar nicht in der Lage sind, zu unterstützen. Doch das ist kein Problem der Mehrsprachigkeit, das ist ein soziales Problem. Da gilt es zu unterscheiden und nicht jedes schulische Problem sofort der Mehrsprachigkeit zu zuordnen.

Wir haben in Österreich ein Schulsystem, das von Einsprachigkeit ausgeht und das obwohl mehr als die Hälfte aller Erstklässler eine andere Muttersprache als Deutsch hat. Wie könnte ein zeitgemäßes Schulsystem bzw. zeitgemäße Elementarpädagogik aussehen?

Mit der Sprachentwicklung und -förderung muss schon im Kindergarten intensiv begonnen werden. Hilfreich hierfür ist sicherlich, dass der Kindergarten immer stärker als Bildungseinrichtung (an)erkannt wird. Größtes Optimierungspotenzial sehe ich bei der Ausbildung der PädagogInnen, die oftmals kein solides Wissen über mehrsprachige Erziehung haben, und damit die Kinder in ihrer mehrsprachigen Entwicklung nur bedingt unterstützen können. Deshalb versuche ich mit Linguamulti sehr aktiv in diesem Bereich zu sein.Ferner sollten die veralteten Lehrpläne, die von einer monolingualen Kultur ausgehen, angepasst werden. Ich habe ganz großen Respekt vor PädagogInnen und LehrerInnen, da sie einerseits den Anspruch haben mehrsprachige Kinder zu unterstützen, anderseits die vorgegebenen Lehrpläne umsetzen müssen.

Welche Botschaften senden wir unseren Kindern mit dem aktuellen System?

Durch die Monokultur und die monolingualen Zugänge entsteht die Botschaft: "Hier ist wichtig, dass du Deutsch kannst, dass du dich in die Gesellschaft einfügst und dich als Österreicherin oder Österreicher wahrnimmst."

Viel besser für das Selbstbewusstsein von Kindern und  Eltern wäre es von Anfang folgende Botschaft zu senden: "Du bist ein Teil dieser Gesellschaft, du bist Österreicherin oder Österreicher, Deutsch ist auch deine Muttersprache, neben anderen Muttersprachen die du hast".

Das ist nicht einfach nur eine Botschaft. Es ist eine Haltung die angenommen wird und die sehr typisch für Gesellschaften mit langer Zuwanderungserfahrung ist, was auf Österreich zutrifft.

Sowohl das Schulsystem als auch die Gesellschaft insgesamt müssen andere Kulturen zulassen. Willkommen heißen, statt ausblenden müssen ist ein erfolgreiches Rezept für gelungene Integration.

Stellen Sie uns doch Linguamulti vor und erzählen Sie was Sie mit Linguamulti bewirken möchten.

Durch meine langjährige Arbeit im Integrationsbereich stellte ich fest, dass es vor allem für Eltern kein Angebot für professionelle Unterstützung bei der mehrsprachigen Erziehung gibt. Deshalb war der erste Schritt ein Angebot in Form von Eltern-Workshops zu kreieren. Da aber alle, die in der mehrsprachigen Entwicklung des Kindes eine Rolle spielen, an einem Strang ziehen müssen, entwickelte ich Angebote für LehrerInnen und KindergartenpädagogInnen.

Parallel dazu habe ich mit der Schiene für Jugendliche gestartet. Hierbei handelt es sich um Kreativ Workshops mit dem Ziel, Jugendliche in ihrer Sprachentwicklung zu unterstützen, Das heißt, sie auf kreative Art und Weise in ihrer Sprachentwicklung zu fördern, beispielsweise durch kreatives Schreiben oder Rhetorik Workshops in denen sie sich mit ihren Sprachressourcen auseinandersetzen und Spaß dabei haben. Mit den Jugendlichen mache ich auch Berufsorientierungsworkshops, wo wir gemeinsam Strategien erarbeiten, wie ihnen ihr Sprachen- und Kulturhintergrund in der Ausbildung und der Berufswahl von Nutzen sein kann.

Wie sieht die Vision von Linguamulti aus?

Natürlich ist die Vision Mehrsprachigkeit zu fördern und diejenigen die es betrifft fachlich, professionell und mit leicht handzuhabenden Strukturen zu unterstützen. Hinzu kommt, dass Linguamulti  ein sehr junges Unternehmen auf einem sehr dynamischen Themenfeld ist. Es öffnen sich auch für mich immer wieder neue Türen wie beispielsweise der unterstützende Einsatz von Mehrsprachigkeit im Fremdsprachenunterricht, in dem aktuell auch ein monolingualer Habitus vorherrscht.

Auch bei den Elternworkshops ergeben sich immer wieder neue Themen. Neben den Fragen zur mehrsprachigen Erziehung der eigenen Kinder, kommen immer mehr Eltern die ihre eigene Biografie und Mehrsprachigkeit reflektieren möchten und meine Einschätzungen dazu hören wollen.

Durch aktuelle Geschehnisse entdecke ich selbst viele neue Bereiche. Nehmen wir das Thema Flüchtlinge. Auch hier geht es um Mehrsprachigkeit, aber in einer neuen Dimension, in der Fluchterfahrung eine Rolle spielt.

Es ist ein so dynamisches Themenfeld und ich verstehe auch, dass es Institutionen schwer fällt hier mitzuhalten. Das ist der Grund warum es die Expertise von Linguamulti braucht. Institutionen wie der Stadtschulrat oder der Integrationsfonds können auf die Expertise und Ressourcen von Linguamulti zurückgreifen und so KindergartenpädagogInnen und LehrerInnen in ihrer Arbeit unterstützen. Abseits der Institutionen möchte ich zukünftig  Elternworkshops auch an Kindergärten und Schulen anbieten und so jene Eltern abholen, die sich nicht bzw. noch nicht aktiv mit dem Thema Mehrsprachigkeit auseinandersetzen. Den Weg zu mir direkt finden meistens Eltern, die sich schon intensiv mit dem Thema beschäftigt haben.

An dieser Stelle möchten wir  auf die nächsten Linguamulti Eltern-Workhops hinweisen:

Dienstag, 24. November, 10:00 bis 14:00 Uhr

Mehrsprachige Erziehung von Geburt an

Samstag, 5. Dezember, 10:00 bis 14:00 Uhr

Lesen und Schreiben lernen in mehreren Sprachen

Samstag, 19. Dezember, 10:00 bis 14:00 Uhr

Ich erziehe mein Kind mehrsprachig - wie es mir gelingt

Die Anmeldung zu den Eltern-Workshops erfolgt über http://www.linguamulti.at/anmeldung

Wir bedanken uns sehr herzlich für das Interview und wünschen Linguamulti weiterhin viel Erfolg!

kroativ.at

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