Zweisprachiges Aufwachsen: Zwischen Kroatisch, Deutsch und Kreutsch

Zweisprachiges Aufwachsen: Zwischen Kroatisch, Deutsch und Kreutsch

Ich bin in Wien geboren und aufgewachsen, habe meine Schulbildung hier absolviert, studiere zurzeit und arbeite nebenbei. Meine Muttersprache ist Kroatisch. Deutsch ist meine Zweitsprache, um es fachlich auszudrücken. Also sprich, ich bin bilingual aufgewachsen. 

Sowohl das Kroatische, als auch das Deutsche haben mich seit meiner Kindheit begleitet. Ich kann stolz behaupten, dass ich beide Sprachen sowohl mündlich als auch schriftlich beherrsche. Auch wenn ich zugeben muss, dass ich das Deutsche, aufgrund meiner Schulbildung auf Deutsch, lange Zeit besser beherrschte, ist mein Niveau in beiden Sprachen mittlerweile ziemlich ausgeglichen.

Weder grammatikalische Fehler noch ein Akzent lassen erkennen, dass meine Muttersprache eine andere ist. Lediglich das rollende Zungenspitzen-“r”, das eher typisch für das Kroatische als für das Deutsche ist, verrät mich ab und an, wenn man genau hinhört. Denn im Deutschen liegt das “r” eher im Rachen.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass all das der Grund dafür war, welcher den Amtsarzt in der Fahrschule vor ein paar Jahren dazu verleitet hat, zu glauben, dass eine 19-jährige einen Ausländer geheiratet hat und deshalb einen ausländischen Nachnamen besitzt. (Die Sache mit meinem tollen Nachnamen haben wir ja bereits im Artikel “Der EU-Sprachentag und die Unmöglichkeit kroatische Nachnamen richtig auszusprechen” besprochen. Es lohnt sich nachzulesen ;) ) Als ich ihm erklärt habe, dass ich ledig bin und meine, ganz genau, beiden! Eltern ursprünglich Kroaten aus Bosnien sind, hat er mich angesehen als wäre gerade ein Wunder vor seinen Augen geschehen.

Ich weiß ganz genau dass ich nicht die einzige bin, die, auch heute noch, immer wieder auf Menschen trifft die richtig überrascht zu seien scheinen, dass jemand mit ausländischen Wurzeln so gut Deutsch spricht. Alle die diesen Text lesen und sich schon mal in so einer Situation befunden haben, können bestimmt eine Anekdote zu diesem Thema erzählen.

Wie gesagt, sind das Deutsche und das Kroatische die zwei Sprachen, die mich in meinem Alltag begleiten. Mit einigen Menschen rede ich Deutsch, mit anderen Kroatisch. Ab und an kann es sogar passieren, dass ein Wort aus dem Kroatischen in einem deutschen Satz herhalten muss, weil es mir gerade auf Deutsch nicht einfällt. Andersrum ist es genauso. Es gibt sogar Sachen die man auf der jeweils anderen Sprache besser oder schöner ausdrücken kann, weshalb ich dann bewusst mitten im Satz in die andere Sprache wechsle.

Früher war das nicht so. Als kleines Kind mischte ich beide Sprachen ununterbrochen. Ich kann mich noch ganz genau an eine Situation aus dem Kindergarten erinnern, in der ich ein kroatisches Wort benutzte und die anderen nicht verstanden was ich wollte. Wir waren draußen im Garten und haben mit Dreirädern Autobahn gespielt. Das kleine Mädchen von damals assoziierte die Autobahn immer mit den Fahrten nach Kroatien. Damals galt das Schengenabkommen zwischen Österreich und Slowenien noch nicht, weshalb ich glaubte dass zu einer Autobahn der Stau auf der slowenischen Grenze einfach dazugehört. Ich bin mir sicher, viele von euch erinnern sich noch an die kilometerlangen Kolonnen und die stundenlangen Wartezeiten. Aber darauf möchte ich jetzt nicht weiter eingehen. Ich glaube jeder hat seine eigenen Gedanken dazu. Also, weiter im Text. Weil für mich zu einer Autobahn ein Stau nun mal dazugehörte, kam ich auf die Idee eine Kolonne zu bilden. Also sagte ich zu meinen kleinen Freunden “Machen wir eine kolona”. Wie ihr seht, sind sich das Deutsche und das Kroatische Wort für Kolonne sehr ähnlich. Von meinen kleinen Freunden damals, verstand mich dennoch keiner. Das lag vielleicht an der kroatischen Aussprache des Wortes, die ja doch eine andere ist als die deutsche, oder aber die meisten vierjährigen in meinem Kindergarten hatten noch nie etwas mit Stau zu tun, weshalb sie das Wort vielleicht gar nicht kannten. Ich stand also vor einem Problem. Auf der einen Seite waren da meine Freunde, die nicht verstanden was ich von ihnen wollte, auf der anderen Seite war ich, die nicht verstand warum sie mich nicht verstanden haben. Ich kann mich noch erinnern, dass ich ziemlich verwirrt war und auch etwas böse. Wie das ganze allerdings geendet hat, daran erinnere ich mich leider nicht mehr. Heute blicke ich auf diese Erinnerung zurück und lache darüber, damals war es nicht so lustig.

Das ständige Mischen der Sprachen ging noch eine Weile so und mein Kreutsch, die Hybridsprache zwischen Kroatisch und Deutsch, wurde immer besser, während mein Deutsch und mein Kroatisch darunter leideten. Erst als mein Bruder in den Kindergarten kam änderten sich die Dinge. Denn die Erzieherin, damals sagte man noch Kindergartentante, meinte zu meiner Mutter, dass es absolut nicht von Vorteil sei, wenn sie mit uns Deutsch reden würde. Sie sagte ,sie fände es sehr löblich von meiner Mutter aber dadurch, dass sie selber nicht gut Deutsch könnte, brächte sie es uns nur falsch bei, was eher ein Nachteil wäre als ein Vorteil.

Seitdem sprachen meine Eltern nur noch Kroatisch mit uns, und das ist bis heute so. Das einzige was sich nicht geändert hat ist, dass mein Bruder und ich untereinander noch immer Deutsch reden. Erst letztens merkte ich bei einem Gespräch mit meiner Mutter und meinem Bruder, dass ich die Sprache wechselte. Obwohl wir über dasselbe Thema sprachen und auch nebeneinander saßen, sprach ich mit meiner Mutter auf Kroatisch und wechselte automatisch ins Deutsche sobald ich meinen Bruder ansprach. Aus irgendeinem Grund wurde mir das genau in dem Moment bewusst. Durch die Jahre hindurch ist es einfach zur Angewohnheit geworden und es kommt mir mittlerweile etwas komisch vor, mit meinem Bruder auf Kroatisch zu sprechen. Leider ist der Mensch ein Gewohnheitstier, weshalb ich nicht glaube, dass sich das in allzu naher Zukunft ändern wird.

Ich bin der Erzieherin aus dem Kindergarten jedenfalls sehr dankbar. Wenn sie meiner Mutter nicht diesen unglaublich einfachen aber wirksamen Rat gegeben hätte, könnten mein Bruder und ich weder die Deutsche noch die Kroatische Sprache richtig beherrschen.

Deshalb appelliere ich an alle jungen Eltern, sprecht mit euren Kindern in eurer Muttersprache, sofern ihr sie beherrscht. Wenn ihr ab und an mal ein Wort nicht wisst, dann sucht gemeinsam mit eurem Kind nach dem Wort und erweitert gemeinsam euren Wortschatz. Das schafft nicht nur eine bessere Verbundenheit zwischen euch und euren Kleinsten, sondern sorgt auch dafür dass die Kinder mit Freude lernen. Solltet ihr eure Muttersprache oder Deutsch nicht richtig beherrschen, dann lasst es. Versucht nicht eurem Kind eine Sprache beizubringen, die ihr selbst nicht könnt. Das sorgt bei dem Kind nur für Verwirrung und bringt solche Grausligkeiten wie “aufmacheniti”, “esseniti”, “trinkeniti” und so weiter hervor.

Wenn ein Kind allerdings die Möglichkeit hat von klein auf mehrere Sprachen zu lernen, dann sollte man diese auch nutzen. Jede zusätzliche Sprache erweitert nicht nur die Liste der Sprachen die das Kind beherrscht, sondern auch den Horizont des Kindes. Mit jeder Sprache die es lernt, wird ein Teil Kultur mitgegeben und genau dieser Teil ist so wichtig wie die Sonne für die Erde. Denn es gibt nichts, dass uns so sehr mit unserer Kultur und unseren Bräuchen verbindet wie die Sprache.

Ich wuchs mit Deutsch und Kroatisch auf und kenne sowohl die kroatische Kultur als auch die österreichische, teils auch die deutsche. Beide Sprachen und Kulturen haben mich geprägt und mich zu dem gemacht was ich heute bin und vor allem haben sie mir das gegeben was ich heute habe, nämlich das Beste aus beiden Welten.

Magdalena Čerkezović / kroativ.at

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