Die eigenen Muttersprachen studieren

Die eigenen Muttersprachen studieren

Eine meiner Muttersprachen ist Deutsch, die andere Kroatisch. Ich studiere beide an der Uni Wien. Obwohl ich mich gleichstark mit beiden Sprachen identifiziere, erhalten sie an der Universität unterschiedliche Bedeutungen für mich. Über Abgrenzung, Verwirrung und Identität.

Germanistik

Schon ein Jahr lang studiere ich Germanistik an der Universität Wien. Von Anfang an war es nichts Ungewöhnliches für mich, dass der Unterricht auf Deutsch abgehalten wurde. Dadurch, dass in Österreich Deutsch die Bildungssprache ist, empfand ich das an der Uni auch als normal. Was sich jedoch an der Universität im Vergleich zur Schule geändert hat, ist die Vielfalt an Dialekten und Akzenten, die dort gesprochen werden. Viele Studierende ziehen aus anderen Bundesländern nach Wien, um an der Uni zu studieren. Ein Großteil kommt auch aus Deutschland oder anderen Ländern, in denen Deutsch nur als Fremdsprache gelernt wird. Durch diese Vielfalt an verschiedenen Sprechweisen, die an der Uni zusammenkommen, beginnt man plötzlich zu merken, wie viele verschiedene Möglichkeiten es gibt diese Sprache, die wir „Deutsch“ nennen, auszusprechen. Man fängt an sich mit der eigenen persönlichen Sprechart zu identifizieren, grenzt sich unbewusst von den anderen Sprechweisen ab und findet doch auch immer wieder Gemeinsamkeiten.

In der Germanistik beschäftigt man sich im Bereich der Sprachwissenschaft unter anderem mit den verschiedenen Dialekten oder Varietäten des Deutschen. Dabei ist genau diese Vielfalt an Sprechweisen, die an der Uni gesprochen werden, von großem Vorteil: oft werden Beispiele aus bestimmten Dialekten genannt oder nach Ausdrücken in einem Dialekt gefragt. Dann ist es immer spannend, wenn die Studierenden selber Auskunft darüber geben können.

Transkulturelle Kommunikation

Als ich dieses Jahr neben der Germanistik noch Transkulturelle Kommunikation an der Uni Wien zu studieren anfing, erlebte ich etwas Ungewöhnliches. Für diese Studienrichtung hatte ich drei Sprachen ausgewählt: Deutsch, Englisch und Kroatisch (zusammengefasst als BKS - Bosnisch/Kroatisch/Serbisch). Englisch als Unterrichtssprache war ich von der Schule schon gewohnt. Im Alltag und da vor allem in den Medien ist Englisch auch sehr verbreitet. Kroatisch hingegen hatte ich bisher nur mit meiner Familie, meinen Verwandten oder Bekannten gesprochen. Obwohl Kroatisch für mich genauso wie Deutsch meine Muttersprache ist, verbinde ich trotzdem mit Kroatisch durch meine Familie mehr Gefühl und auch eine gewisse Identität.

Als die Professorin in der Vorlesung plötzlich in Kroatisch über Geschichte und Kultur zu sprechen begann und so eine mir sehr vertraute Sprache in einem komplett anderen Kontext verwendete, war ich zunächst verwirrt. Obwohl ich Zuhause auch Nachrichten auf Kroatisch höre oder kroatische Bücher lese, ist es trotzdem ein seltsames Gefühl gewesen an der Universität, an der bisher nur Deutsch und ab und zu Englisch gesprochen worden ist, Kroatisch zu benutzen.

Im Gegensatz zu Studierenden, die solche Sprachen für Transkulturelle Kommunikation wählen, die sie in der Schule als Fremdsprache gelernt haben, hat man als MuttersprachlerIn in eienr Sprache den Vorteil, beinahe alles zu verstehen. Man kommt auch bei schnellerem Sprechtempo mit den Vortragenden problemlos mit, da der eigene Wortschatz sehr groß ist. Dieser muss meist nur mehr durch neue Fachwörter erweitert werden, die man davor im Alltag einfach nicht benutzt hat.

Das Mitschreiben auf Kroatisch erwies sich nach den ersten etwas unsicheren Versuchen auch als kein allzu großes Problem. Trotzdem wird es sicher noch eine Weile dauern, bis ich auch das Kroatische an der Uni als etwas Gewöhnliches empfinden werde!

Tina Čakara / kroativ.at | foto: fotolia.com

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