Warum steht das Kopftuch zur Debatte?

Warum steht das Kopftuch zur Debatte?

Mit dem Begriff des Kopftuchs assoziiere ich meine Kindheit und schwelge dabei in Erinnerungen an meine verstorbenen Großmütter. Ich sehe starke, selbstbewusste und fröhliche Frauen, die zeitlebens hart arbeiten mussten und mit aller Kraft ihre Familie liebevoll umsorgten. Beide befürworteten das selbstbestimmte Tragen des Kopftuchs aus praktischen, kulturellen sowie traditionellen Gründen. 

Nachdem sich Außen- und Integrationsminister Sebastian Kurz für ein Kopftuchverbot im öffentlichen Raum ausgesprochen hatte, hat sich in den letzten Wochen die Lage innerhalb der österreichischen Politik zugespitzt. Letztlich einigte sich die Regierung auf ein Vollverschleierungsverbot sowie auf ein Neutralitätsgebot für Richter, Staatsanwälte und Exekutive. Dieses Gebot will heißen, dass sich jene Personen in der Ausübung ihres Dienstes zu einem weltanschaulich und religiös neutralen Auftreten verpflichten.Ob Kopftuch- sowie Vollverschleierungsverbot tatsächlich etwas mit Integration zu tun haben, möchte ich allerdings stark zu bezweifeln wagen…

Verbot: Leidtragende sind ausschließlich Frauen
Der Europäische Gerichtshof hat entschieden, dass Unternehmen ihren muslimischen Mitarbeiterinnen das Tragen des Kopftuchs untersagen dürfen. Dafür benötigt es jedoch eine allgemeine interne Unternehmensregelegung, die das sichtbare Tragen aller religiösen, politischen und weltanschaulichen Zeichenbetrifftund nicht diskriminierend sein darf. Allerdings sei hier gewarnt, dass mit der angestrebten Neutralitätseinhaltung muslimischen Frauen Steine in den Weg gelegt werden. Damit fiele die Integration am Arbeitsmarkt auch schwieriger aus, dies würde zur Ausgrenzung vieler gutqualifizierter Frauen führen, so lautete nämlich die kritische Bezugnahme auf das gesprochene Urteil der Leiterin der deutschen Antidiskriminierungsstelle, Christine Lüders.

Für jene Frauen, die sich aus freien Stücken zur Verhüllung entschieden haben, weil sie diese als Ausdruck ihrer Freiheit und Identität sehen, stellt ein solches Verbot einen Eingriff in die Religions- und Meinungsfreiheit dar, so die Kritik von zahlreichen NGOs. Kleidungs- und Religionsfreiheit muslimischer Frauen werdenzwangsläufig durch das Kopftuchverbotder unternehmerischen Freiheit untergeordnet. Dem Arbeitgeber wird die Befugnis erteilt, jenen Frauen das Selbstbestimmungsrecht sowie die eigene Individualität zu nehmen, denn diese haben ihre persönlichen Bedürfnisse und Vorlieben den Berufsansprüchen anzugleichen und in letzter Konsequenz auch jenen zu unterwerfen. Ein solches Verbotraubt muslimischen Frauen die Freiheit, ein Leben in Würde zu führen. Raum für individuellen Selbstausdruck gibt es hier nicht.

Die Kopfbedeckung hat eine lange Tradition
Das Kopftuchtragen ist in Europa in ländlichen Gegenden noch immer üblich. So ist es beispielsweise auch Brauchtum im mehrheitlich katholischen Kroatien. Mit dem Begriff des Kopftuchs assoziiere ich meine Kindheit und schwelge dabei in Erinnerungen an meine verstorbenen Großmütter. Ich sehe starke, selbstbewusste und fröhliche Frauen, die zeitlebens hart arbeiten mussten und mit aller Kraft ihre Familie liebevoll umsorgten. Beide befürworteten das selbstbestimmte Tragen des Kopftuchs aus praktischen, kulturellen sowie traditionellen Gründen. Demzufolge hatte das Kopftuch in der Lebensführung jener Frauen einen hohen Stellenwert.

Wie auch viele eurer Großmütter wuchsen auch meine am Land auf und waren in der Landwirtschaft tätig. Sie waren Bäuerinnen und von früh- bis spätabends auf den Feldern zu finden.Die Kopfbedeckung wurde bei der Feldarbeit praktiziert, um sich vor Hitze, Sonne und Staub zu schützen. Auch wenn wir an die sogenannten Trümmerfrauen denken, die in der Nachkriegszeit in Österreich, vor allem in der Hauptstadt Wien,einen wesentlichen Anteil am Wiederaufbau hatten, erscheinen uns kopftuchtragende Frauen stehend auf Trümmerhaufen, die gründlich aufgeräumt und heldenhafte Leistungen erbracht haben. Das Kleidungsstück diente in erster Linie dazu, die Haare vor Schmutz und Staub zu schützen.

Schwarze oder auch farbige Kopftücher mit prunkvoller Bestickung sind bei vielen traditionellen Trachten sowohl in Österreich als auch in Kroatien aufzufinden. Bevor ich das erste Mal mit meinem Freund nach Bosnienfuhr, um seinen Familienangehörigen einen Besuch abzustatten, wunderte ich mich, dass beinahe alle älteren Frauen, dazu gehörten auch wenige jüngere, die mit Handarbeit entworfeneTracht trugen. In dieser Gegend dient die Tracht nicht nur als Garderobe zu besonderen festlichen Anlässen, sondern auch als Alltagskleidung.

Ebenso ist in vielen Fabriken das Tragen einer Kopfbedeckung Vorschrift und dient als Arbeitsschutz. So wird verhindert, dass sich Haare in Maschinen verheddern. In Küchen und einigen Krankenhäusern wird die Kopfbedeckung, sei es nun ein klassisches Kopftuch, ein Haarnetz oder sei es eine Mütze, aus hygienischen Gründen getragen.

Auch in Hollywood zeigten sich prominente Frauen in ihren Filmen mit Kopftuch in verschiedenen Variationen und Farben. Wenn wir uns an die großartige Schauspielerin Audrey Hepburn erinnern, sehen wir sie in „Frühstück bei Tiffany“ mit dem modischen Requisit, das stilvoll um ihren Kopf und Hals geschlungen lag.Hepburn trug es aus modischen Gründen und brachte das Tuch in den 50-er und 60-er Jahren groß raus. Das selbstverständliche Tragen des zu einem Dreieck gefalteten Tuchs können wir auch bei einer der reichsten Frauen Europas, der Queen von England, sehen. Bei ihren Ausritten, Spaziergängen oder im Sommerurlaub ist das Tuch ein Muss.

Die Reduzierung der muslimischen Frau auf das Tragen der Kopfbedeckung oder des Ganzkörperschleiers
Neulich, am Woman Day, kam es in ganz Österreich zum Shoppingfieber vieler Frauen. Ich stand an diesem Tag an der Kassa und bediente zahlreiche BesucherInnen im Geschäft. Wie üblich war ich in Gedanken versunken, dennoch konzentriert bei der Arbeit, die an diesem Tag mit viel Zeitdruck verbunden war. Als ich plötzlich zur Kollegin hochsah, erblickte ich ihr errötetes Gesicht. Im ersten Moment fragte ich mich, warum sie kurz aus dem Konzept gebracht worden war. Daraufhin blickte ich zur Kundin, die sie bedient hatte. Es war eine vollverschleierte Frau, mit der sie englisch sprach.

Sie war Blauäugig. Ihre Augen haben soendlos ultramarinblau und tiefgründig wie der Ozean geglänzt. Um ihre langen dunklen Wimpern zu betonen, hatte sie diese ein wenig geschminkt.In diesem Augenblick dachte ich mir, welche Schönheit sich wohl unter dem Stoff verbergen muss. Durch das Textil konnte ich ihr perfekt geformtes Gesicht erkennen, sie hatte eine kleine zierliche Nase und glatte gebräunte Haut.Wenn sie sprach, konnte ich ihre definierten Wangenknochen und das kleine Kinn wahrnehmen, die sich an dem Stoff schmiegten und ihrem Gesicht etwas Anmutiges verliehen.Dann sah ich die Menschen hinter ihr, die sie kopfschüttelnd betrachteten. Als ich ein letztes Mal in die Augen dieser Frau blickte, sah ich, dass sie sich verlegen zeigte. Denn es war offensichtlich, dass sie die vielen unsichtbaren Augen spürte, die sie mit ihren Blicken durchbohrten.

Ich hätte wahrscheinlich ähnlich wie meine Kollegin reagiert, wäre für kurze Zeit berührt gewesen, weil es nicht das übliche Bild einer Frau ist, dem ich täglich in unserer Gesellschaft begegne. Ich denke, dass eine solche erste Reaktion auch gar nicht weiter schlimm ist, vor allem wenn man an einem solchen Tag unter Hochdruck arbeitet und nicht jede einzelne Person, die das Geschäft betritt, sofort realisiert. Als die Frau ging, blickte ich ihr kurz nach und fragte mich: Warum? Warum wird sie von allen anderen angestarrt, als ob sie nicht von dieser Welt wäre? Niemals werde ich einem solchen Verhalten Verständnis entgegenbringen können…

Wir müssen lernen, unseren Mitmenschen unabhängig von Herkunft, ethnischer Zugehörigkeit, politischer Gesinnung oder Glaubensbekenntnis mit Akzeptanz, Respekt und Anstand zu begegnen. Ob jene Frau, die meine Kollegin bedient hatte, die Ganzkörperverschleierung aus freiem Willen trägt, soll hier auch nicht zur Debatte stehen.Ja, es gibt nach wie vor Frauen, die zum Tragen des Kopftuchs gezwungen werden, dennoch dürfen wir nicht in jeder kopftuchtragenden muslimischen Fraueine unterdrückte Frau sehen. Der Schleier der muslimischen Frau darf nicht unhinterfragt mit Freiheitsberaubung gleichgesetzt oder gar als Symbol für den fundamentalistischen Islam gesehen werden. Eine vollverschleierte oder kopftuchtragende Frau hat nichts verbrochen, sie möchteletztlich ein selbstbestimmtes Leben führen können und ein Teil ihres gesellschaftlichen Umfeldes sein. Denn auch sie hat unterschiedliche Bedürfnisse und Wünsche. Einkaufen zu gehen, ohne dabei mit Anfeindungen und schlimmen Beschimpfungen konfrontiert zu werden, ist ihr gutes Recht. Sie möchte ganz bestimmt nicht darauf reduziert werden, dass sie ein Kopftuch oder eine Burka trägt.

Suzana Milić / kroativ.at

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